Aller Anfang ist schwer

Wie alles anfing… Teil 2

Ich habe Angst! Teil II

Ich kam im Herbst 2013 also aus Israel zurück nach Deutschland. Es fing schon am Flughafen an…

Mein damaliger Freund hat mich überrascht, ich also eigentlich total euphorisch, froh meine Lieben wieder zu haben und vor allem froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Doch schon im Auto auf dem Weg nach Hause war da dieses taube Gefühl im kleinen Finger und ein leichtes Kribbeln in der linken Gesichtshälfte, was mich nervös machte. Ich habe es erfolgreich auf den Flug und die Müdigkeit geschoben und bin schlafen gegangen.

Nun waren Herbstferien und anlässlich des Geburtstags meiner kleinsten Schwester flogen wir mit der ganzen Familie nach Berlin. Das wäre an und für sich ja eine tolle Sache gewesen, wären da nicht langsam aber sicher immer mehr körperliche Symptome aufgetreten. Angefangen bei der Atmung ging es weiter mit Schwindel, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Hitzewellen und diesem schrecklichen Gefühl der völligen Leere in mir. Ich habe eines Abends im Hotel wortwörtlich zu meiner Mama gesagt: „Ich habe das Gefühl, ich bin nur noch eine Hülle von mir selbst“.

Hat sich aber vorerst keiner was bei gedacht. Einen Abend waren wir essen, ich eh schon total platt, da mir den ganzen Tag so irre schwindelig war und da passierte es wieder: Ich habe plötzlich diese riesen Unruhe in mir gespürt, gepaart mit dem Drang, auf der Stelle weglaufen zu müssen. Mir war schlecht, ich hatte urplötzlich wieder Angst einfach so vom Fleck weg ohnmächtig zu werden. Als auch die Hitze in mir nicht mehr auszuhalten war, bin ich aufgesprungen und musste einfach raus da. Papa mir hinterher und ab zurück ins Hotel. Auf dem Weg hatte ich dann mehrfach das Gefühl mich übergeben zu müssen, es passierte aber einfach nicht.

Ich habe die Zeit in Berlin mit Ach und Krach noch irgendwie ausgehalten und wurde zuhause dann von meiner damaligen Ärztin mit Medikamenten gegen Magen-Darm für eine Woche ins Bett geschickt.

Tja, es wurde und wurde aber einfach nicht besser. Ich habe quasi überhaupt nichts mehr gegessen, lag den ganzen Tag im Bett, habe nur geweint und mich pausenlos gefragt „was stimmt nicht mit mir?“…

Neu war auch so ein merkwürdiges Kribbeln in der Speiseröhre, was zusätzlich einen fast permanenten Würgereiz verursacht hat. Ich dachte also ständig ich müsste mich übergeben, dem war aber nicht so. Viele Abende bin ich weinend zu meinen Eltern gekommen, weil ich nicht mehr wusste was ich noch tun soll. Mein Herz raste, das Kribbeln wurde schlimmer und ich hing jeden Abend über der Toilette. Einschlafen wurde zur Tortur.

Noch immer war nicht klar, was mit mir eigentlich los war. Ich war weiterhin mit Magen-Darm krankgeschrieben und in der Zwischenzeit fand man heraus, dass ich eine leichte Fructoseunverträglichkeit habe. Das war zumindest mal ein Anfang, veränderte die Symptome aber nicht wesentlich.

Mein persönlicher Tiefpunkt kam dann eines Morgens… Ich hatte wieder dieses schlimme Kribbeln im Hals und den Drang mich über die Toilette zu hängen. Auf dem Weg ins Bad durchfuhr mich abermals der Blitz der Panik. Ich musste mich auf der Stelle, quasi im Türrahmen vom Badezimmer, auf den Boden legen und die Beine hoch lagern. Ich war mir sicher im nächsten Moment auf jeden Fall ohnmächtig zu werden. Mein Herz raste, mir war übel und selbst im Liegen wurde ich das Gefühl nicht los, dass mir mein Kreislauf jeden Moment flöten ginge. Gleichzeitig dieses Kribbeln, was mich zwang zwischen Toilette und Türrahmenakrobatik hin und her zu eilen. Hinlegen, über die Toilette hängen, hinlegen, über die Toilette hänge, immer so weiter. Das ging ungefähr 20 Minuten so (es waren gefühlt 20 Stunden) und als es keine Aussicht auf Besserung gab und ich mit meinen Kräften einfach am Ende war, sah meine Mama keinen anderen Ausweg mehr als bei meiner Ärztin anzurufen und mich ins Krankenhaus einweisen zu lassen.

Wir also hoppla hopp ins Krankenhaus. Dort haben sie mich komplett durchgecheckt und aufgrund eines Ruhepulses von 135 mit einem Pulsmessgerät und gefühlt 83 Verkabelungen direkt stationär auf ein Zimmer verfrachtet. Weitere Untersuchungen wurden in den nächsten Stunden/Tagen durchgeführt, ich habe mich zwar sicherer gefühlt, aber die Symptomatik wurde auch hier nicht wirklich besser. Nachdem sogar ein Ultraschall meines Herzens unauffällig war, war ich zwar einigermaßen beruhigt, aber auch die Sache mit dem Essen wurde nicht besser. Durch den starken Gewichtsverlust und das viele Liegen, war Herzrasen natürlich bei jedem Aufstehen vorprogrammiert, was nur wieder Panik auslöste. Mein Essen habe ich dann heimlich meiner sehr hungrigen Zimmernachbarin überlassen und den Schwestern freudig mein leeres Tablett präsentiert. Erst an Tag vier, nachdem alle Untersuchungen ohne Befund waren, schickten sie mir eine Psychologin zum Gespräch.

Und diese Frau fand nun nach Monaten des Leidens endlich die Ursache des ganzen Übels… Das Gespräch war emotional sehr sehr anstrengend für mich, weil endlich jemand genau das beschrieb, was ich tagtäglich fühlte. Ich hatte also endlich die Diagnose: Panikattacken und eine leichte Depression.

Es war einerseits erleichternd endlich zu wissen, was mit mir los war, andererseits begann jetzt der Kampf zurück ins Leben. Ich wollte endlich wieder zur Schule, mein Abi machen und wieder durchstarten. Ich habe noch einige Zeit zuhause verbracht um wieder zu Kräften zu kommen und mir einen ambulanten Therapieplatz zu suchen. Ich habe immer wieder Panikattacken gehabt, immer wieder mit einigen Symptomen zu kämpfen gehabt, Heulkrämpfe bekommen, die Lust am Leben verloren, mich immer wieder gefragt „Warum ich?“…

Aber ich habe gekämpft! Ich hatte einige Momente, in denen ich einfach aufgeben wollte, weil wieder irgendwas taub war, zwickte oder zwackte, aber ich hatte meine Familie hinter mir stehen. Ich habe mir oft Vorwürfe gemacht, allen nur zur Last zu fallen und habe dennoch jeden Strohhalm dankend gegriffen, den ich kriegen konnte.

Nach etwas über einem Jahr Therapie (in der Zwischenzeit war ich natürlich wieder in der Schule), ging es mir nun endlich soweit gut, dass selbst meine Therapeutin vorgeschlagen hat, die Therapie vorerst zu beenden. Ich ging mit gutem Gefühl aus dem letzten Gespräch und es wurde tatsächlich immer besser. Ich hatte meine Symptome im Griff, kaum noch Panikattacken und war einfach wieder bereit fürs Leben. Die folgenden 2,5 Jahre war ich fast beschwerdefrei bzw. konnte immer besser unterscheiden zwischen „echten“, körperlichen Symptomen und den Symptomen, die Angst oder stressbedingt da waren.

Sehr geholfen hat mir dabei übrigens meine Kunsttherapeutin. Zu malen was ich fühle, hat mich damals schon gewissermaßen erleichtert. (Dazu mehr in einem anderen Beitrag)

 

Dieser Beitrag hat mich tatsächlich einige Tränen gekostet, obwohl es jetzt so lange her ist. Die Zeit war für mich körperlich wie psychisch sehr kräftezehrend. Aber ich habe es aus dieser schweren Zeit heraus geschafft und 2015 dann ja auch mit abgeschlossenem Abitur eine Ausbildung angefangen. Nichts ist verloren, solange du nicht aufgibst!

 

#staystrong

 

xoxo, Julia ♥

 

 

 

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