Diagnose: Depressionen

Wie fühlt sich eigentlich eine Depression an?

Ich bin traurig!

Ich versuche mich möglichst kurz zu fassen und das Thema vielleicht in mehreren Posts zu bearbeiten, weil da so viel dran hängt…

In diesem Post möchte ich Einblicke in die Anfänge und die Gefühls- und Gedankenwelt während einer Depression geben. Das heißt natürlich nicht, dass es bei jedem genau so abläuft. Ich schildere euch das Ganze einfach mal aus meiner Sicht.

Ich hatte damals nach den allerersten Panikattacken mit leichten Depressionen zu kämpfen, habe es aber mit Therapie und viel eigener Willenskraft relativ schnell da raus geschafft.

Vor ca. einem Jahr dann der totale Rückschlag.

Durch viel Stress und Konflikte auf der Arbeit haben die Panikattacken zugenommen und ich habe das ganze Jahr 2017 eigentlich schon mehr und mehr Erschöpfungszustände gehabt. Dazu kam, dass ich Anfang 2017 aus meiner ersten eigenen Wohnung wieder zurück nach Hause ziehen musste. Das war zunächst auch nicht leicht, da ich natürlich nicht mehr tun und lassen konnte was ich wollte und wann ich wollte. Gerade meine Eltern wollten schon gerne wissen wo ich so rumturne und wann ich wieder nach Hause komme. Außerdem hatte ich es nun auch weiter zur Arbeit. Ich bin vorher innerhalb von 10 Minute da gewesen, jetzt war das eine Tortur von jeweils knapp 2 Stunden morgens und abends. Meist habe ich auch noch länger gearbeitet, sodass ich irgendwann nur noch nach Hause kam, gegessen habe und ins Bett gegangen bin, weil der Wecker am nächsten Morgen ja wieder um 4 Uhr klingelte.

So ging das dann immer weiter, ich habe mich um nichts mehr gekümmert, mein Zimmer sah aus als wäre eine Bombe eingeschlagen, Zeit zum aufräumen gab es nicht und die Motivation dazu auch nicht. Immer wieder kam es zu Streitigkeiten, weil ich dies oder jenes erledigen wollte und es dann doch nicht gemacht habe. Unbemerkt hat sich dieses Verhalten langsam eingeschlichen und da ich nur noch mit Panikattacken in der Bahn saß, sowohl zur Arbeit hin, als auch zurück, verschlechterte sich meine Stimmung allgemein immer mehr. Das Ganze ging dann so weit, bis es mich zum Zusammenbruch gebracht hat.

An einem Sonntagabend saß ich auf meinem Bett und plötzlich habe ich gemerkt, wie überanstrengt und platt ich mich fühle, so total unwohl und nervös. Dann fing ich an zu weinen und konnte einfach gar nicht mehr aufhören. Ich bin also auf den Balkon um frische Luft zu atmen, aber auch das half nicht. Ich bin einfach auf dem Balkon in mir zusammengesunken und habe nichts mehr tun können außer „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr!“ zu schluchzen.

Meine Eltern haben mich dann versucht zu beruhigen, am nächsten Tag gings zum Arzt und da brach dann erneut die Flut über mich herein. Mir wurden Antidepressiva verschrieben und ich wurde für den nächsten Tag noch krankgeschrieben.

Als ich wieder arbeiten ging, merkte ich ziemlich schnell, dass diese Medikamente vielleicht beruhigen, aber weder meine Stimmung aufhellen, noch motivierend wirken. Ich habe mich, ehrlich gesagt, komplett überfahren gefühlt und hätte im Stehen einschlafen können. (Zur Arbeit wurde ich in der Woche übrigens jeden Morgen mit dem Auto gefahren und abends auch wieder abgeholt, weil ich partout nicht mehr in eine Bahn steigen konnte/wollte.)

So, dann war wieder Sonntag… Ich saß wieder fix und fertig zuhause und damit war der Drops dann gelutscht. Ich also am nächsten Tag wieder zum Arzt, ein neues Medikament bekommen (was ich auch bis heute noch nehme) und eine neue Krankschreibung.

Das Ganze nannte sich nun mittelgradige rezidivierende Depression (= wiederkehrend) und basierte bei mir auf zu viel Stress, welcher unter anderem auch durch die Panikattacken ausgelöst wurde. Ich habe allerdings auch zu lange „ausgehalten“. Heißt, ich hätte schon früher die Reißleine ziehen müssen, als das mit den Attacken wieder anfing, aber ich habe gedacht ich schaff‘ das schon. Nunja, ich hab’s halt nicht geschafft bzw. zu lange ignoriert und ausgehalten und es zum Äußersten kommen lassen…

Somit habe ich voll drin gesteckt in dieser Depression und ich kann euch sagen: Antidepressiva machen diese Krankheit nicht „weg“, sie helfen im besten Fall dabei ein paar Steine aus dem Weg zu räumen und wieder in richtige Bahnen geleitet zu werden. Ich hatte zwar ein neues Medikament bekommen, aber die Depression war ja dennoch allgegenwärtig.

Das war nun also tagein, tagaus ungefähr so:

– Jedes Lied, was auch nur annähernd traurig klang, brachte mich zum weinen.

– Weinen artete in Heulkrämpfe aus.

– Weinen stand bei mir sowieso auf der Tagesordnung.

– Lachen fühlte sich falsch an, ging auch eigentlich gar nicht mehr.

– Geweint wurde aus heiterem Himmel, völlig ohne Vorwarnung. Ob beim Essen mit meiner    Familie oder beim Spielen mit den Katzen meiner besten Freundin, es brach einfach aus mir heraus.

– Alles war traurig, grau, irgendwie bedrückend.

– Viele negative Gedanken machten sich breit, vieles habe ich auch „zerdacht“.

  • Warum ich?
  • Ich kann nicht mehr!
  • Es ist alles zu viel!
  • Ich will mich nur noch verkriechen.
  • Ich will nicht sprechen.
  • Ich will nicht essen.
  • Ich will und kann nicht aufstehen.
  • Ich fühle mich schwach.

Die kleinste Tätigkeit (Spülmaschine ausräumen, Tisch decken, ja sogar duschen) wurde zur Mammutaufgabe, verlangte mir alles ab, sodass ich mich danach erst einmal wieder für Stunden ins Bett oder auf die Couch legen musste. Schlafen wurde zur Lieblingsbeschäftigung, egal ob Tag oder Nacht.

Nachts war es ab und an allerdings schwieriger mit dem Schlafen. Kaum lag ich im Bett, fing das Gedankenkarussell an sich zu drehen:

  • Wird es jemals wieder anders sein?
  • Ich muss wahrscheinlich für immer so traurig sein. Ja, so wird es sein!
  • Ich falle allen zur Last. Jeder macht sich Sorgen um mich, das will ich doch gar nicht!

Mit das Schlimmste (in meinen Augen) war allerdings diese absolute Unlust auf Menschen, auf soziale Kontakte. Es war mir total egal, ich habe damit sicher einigen vor den Kopf gestoßen, habe mich nicht mehr gemeldet, habe Kontakte verloren…

Im Nachhinein tut mir das echt leid, aber ich hatte wirklich genug mit mir selbst zu tun. Ich habe teilweise mein Handy ausgemacht, mich ins Bett gelegt und in völliger Stille an die Decke gestarrt, bis ich dann wieder für Stunden eingeschlafen bin.

Das ist auch ein Grund, warum ich diesen Blog hier schreibe. Einige Menschen habe ich verloren, weil sie nicht verstanden haben warum ich jetzt nicht einfach mit in die Cocktailbar kommen kann, wieso ich nichtmal mit einkaufen gehen kann, warum ich selten auf Nachrichten antworte und ständig am schlafen bin. Ich hoffe ich kann hiermit deutlich machen, dass sowas nicht aus Boshaftigkeit passiert, sondern weil es in manchen Momenten einfach gerade nicht anders geht.

Sätze wie „Lach doch mal, das ist ganz einfach!“ oder „Du musst doch nur aufstehen, ist doch nicht so schwer!“ sind lieb gemeint, bringen aber leider gar nichts, weil es geht eben nicht „einfach“ so…

Motivation, Elan, Kraft und vor allem der Sinn darin ist nicht vorhanden.

Jeder Schritt ist Anstrengung pur. Egal ob mental oder physisch, einen Weg aus der Depression zu finden ist teilweise echt harte Arbeit.

Irgendwann kam dann auch bei mir der Punkt, wo ich langsam wieder ein paar Dinge angegangen bin. Es brauchte aber viel Zeit und Geduld.

Ich hatte bzw. habe das große Glück, dass mich Freunde und meine Familie so sehr unterstützen. Meine beste Freundin und ihr Freund haben mich immer mal wieder bei sich aufgenommen, einfach damit ich mal von zuhause raus komme und tagsüber nicht so alleine bin. (Bei mir zuhause waren alle arbeiten oder in der Schule und bei ihr war immer irgendwer zuhause und wenn es auch nur die Katzen waren, das hat schon gut getan.)

Wichtig ist meiner Meinung nach, dass ihr als Außenstehende Verständnis und vor allem Akzeptanz der Situation gegenüber vermittelt. Gebt dem/der Betroffenen Zeit alleine zu sein, seid aber auch da und hört zu, wenn er/sie was erzählen möchte.

Ich habe selber mitbekommen, wie schwer es sein kann da einen Mittelweg zu finden zwischen „Ist alles okay?“ und „Kann ich was für dich tun?“ und dem in Ruhe lassen. Ich wusste als Betroffene ja selber manchmal gar nicht genau was ich eigentlich will.

Was mir im Nachhinein immer gut tat, waren Spaziergänge an der frischen Luft, auch wenn es ab und zu schwer fiel mich dazu überhaupt aufzuraffen. Besonders gut sind diese Spaziergänge solange die Sonne noch scheint, denn Sonnenlicht setzt, einfach formuliert, Glückshormone frei. Vitamin D wird aufgenommen und das macht auf Dauer bekanntlich munterer. (Tageslichtlampen kann ich für die dunkle Jahreszeit sehr empfehlen!)

Hin und wieder bin ich einfach auf die Sonnenbank gegangen, auch das hilft die Laune zu bessern und zu entspannen.

Ich habe in der Zeit gemerkt, wie anstrengend selbst drei Schritte vom Haus zur Mülltonne und wieder zurück sein können, wenn man sich einfach traurig und elend fühlt. Macht also anfangs keine zu großen Spaziergänge, setzt euch zwischendurch mal hin, es muss keiner reden. Das Gefühl zu haben, nicht alleine zu sein ist wichtig!

Ich weiß gar nicht, wie das gewesen wäre, wenn ich alleine gewohnt hätte…

Ein weiterer Tipp von mir: Wenn möglich geht baden!! Duschen strengt ja auch meist schon so sehr an, da ist eine warme Badewanne zumindest für mich immer sehr entspannend gewesen. Irgendwie gab mir das immer das Gefühl von Geborgenheit, Wärme und Schwerelosigkeit.

Mit der Zeit habe ich dann auch festgestellt, dass sogar weinen eigentlich ganz gut tut. Denn wenn es so plötzlich über mich kam, dann musste da wohl dringend irgendwas raus. Also lasst alles raus! Weinen ist wie ein Ventil am Körper, um negative oder stressige Dinge abzulassen. Weinen ist völlig okay.

Es gab nämlich auch Phasen, wo ich plötzlich nicht mehr weinen konnte. Und wenn das passiert, dann ist aber was los!

Das war extrem erschreckend zu der Zeit, als ich in der Klinik war: Ich war tieftraurig, hab mich erschöpft und überfordert gefühlt, wollte es einfach rauslassen und es ging und ging nicht.

Aber auch das ging wieder vorbei. Wie gesagt, es braucht alles Zeit und viel Geduld und viele Gespräche. Bei einem mehr, beim anderen weniger. Setzt euch selbst nicht unter Druck und verliert den Mut nicht!

Mir selber ist es jetzt vor ein paar Wochen passiert, dass sich urplötzlich wieder ein riesen Loch vor mir auftat und ich quasi blind reingelaufen bin… Und das, obwohl doch gerade alles bergauf ging und anfing besser zu laufen!

Ich habe natürlich erstmal Schlucken müssen und leichte (wirklich nur ganz leichte, riesen große) Panik gekriegt, dass jetzt alles wieder von vorne anfängt. Allerdings habe ich mich schon besser im Griff gehabt, als vor einem Jahr noch.

Will heißen, ich habe wieder genauer darauf geachtet die Balance zwischen Tun und Entspannung zu finden. Die ist bei mir nämlich enorm wichtig, da ich mittlerweile dazu neige zu viel zu tun, um mich dann nachher zu wundern, warum ich so fix und fertig bin oder warum ich jetzt plötzlich wieder so mit Angst und Panik zu kämpfen habe.

Wichtig ist Zeit für mich selbst und vor allem BEI mir selbst. Bis ich das mal gerafft hatte, hat es auch einige Monate gedauert und ich muss mich bis heute immer wieder daran erinnern, aber es ist in den letzten Monaten wichtiger Bestandteil meiner Entwicklung gewesen.

Ich hatte immer den Drang es allen Anderen recht zu machen, mich hinten anzustellen und das war ja vorerst auch kein offensichtliches Problem: Ich habe das ja schließlich jahrelang so gemacht und mir so einige Konflikte und Streitigkeiten erspart.

Ist ein netter Nebeneffekt, klar! Der andere aber ist, dass ich mich selbst dabei vergessen habe. Ich habe nichts für mich selbst getan, habe mich immer darum gekümmert, dass alle anderen zufrieden sind, vor allem zufrieden mit mir. Ich habe mich unbemerkt angepasst, wollte niemandem auf die Füße treten, habe zu allem „Ja und Amen“ gesagt, nur damit ich niemandem vor den Kopf stoße oder womöglich noch jemand sauer auf mich ist. Das wäre eine Schande gewesen!

Nein sagen konnte ich nie, geschweige denn meine eigene Meinung äußern. Es ging selten darum, was ich eigentlich davon oder davon halte. Wenn die anderen das so oder so wollten, wurde das so gemacht. Meine Meinung zählte für mich dann einfach nicht. Hauptsache die anderen waren zufrieden!

All diese Verhaltensmuster haben sich über die Jahre einfach verfestigt und es war normal für mich. Ich habe zunächst nicht gemerkt, dass da vielleicht was nicht richtig läuft. Freunde und Familie haben hin und wieder mal gemeint ich müsste doch auch mal sagen, wenn mir was nicht passt, sei es bei der Arbeit oder im alltäglichen Leben, aber richtig damit beschäftigt hatte ich mich nie.

Ich konnte ja nichtmal was sagen, wenn ich irgendwo zu wenig Rückgeld bekommen habe. Das habe ich dann lieber für mich behalten um Aufsehen oder gar eine Diskussion zu vermeiden. Da habe ich dann lieber wieder zurückgesteckt.

Und dann kam halt irgendwann der Moment, an dem die ganze, unbemerkt aufgebaute Fassade anfing zu bröckeln.

Deshalb arbeite ich jetzt also fast ein Jahr schon an mir und an meinem Verhalten, weil genau das ist es, was auch meine Therapeutin im Kern mit mir zusammen angeht… Mein Verhalten.

 

Wichtig ist also nicht alleine zu sein, verstanden zu werden bzw. akzeptiert in der Situation in der man nunmal gerade feststeckt, Entspannung und mit kleinen Aufgaben anzufangen. Zu guter Letzt ist es wirklich hilfreich in einer Therapie zu versuchen, die Ursache zu ergründen. Und, weiß Gott, so eine Depression kann überall herkommen!

Letztens habe ich in einem Film dazu folgenden Satz gehört: „Ich hätte nie gedacht, dass du mal sowas kriegst!“.

Tja, das haben auch die wenigsten von mir gedacht, aber es kann jeden treffen.

Egal aus welchem Grund.

Und niemand muss damit alleine sein!

 

So, das mit dem Kurzfassen hat auch nicht ganz geklappt… Und ich habe noch so viel mehr zu erzählen!

 

Mehr erfahrt ihr dann im nächsten Beitrag!

 

xoxo, eure Julia ♥

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