Dies und Das

Mein turbulentes Jahr 2018

🐱💕

Das Jahr fing zumindest aus organisatorischer Sicht gut an: Ich hatte nach unfassbar viel bürokratischem Aufwand und langer Wartezeit endlich einen Therapieplatz gefunden und begann mit meiner ersten Sitzung. Das bedeutete aber auch sehr viel Anstrengung. Alles wurde nochmal von vorne aufgerollt, so viel über Gefühle gesprochen, mein Verhalten wurde reflektiert und Symptome gedeutet. Zunächst war jede Therapiestunde eine tränenreiche Angelegenheit und danach brauchte ich erst einmal Stunden um mich davon zu erholen. Zu der Zeit schlief ich was das Zeug hielt, was mit meiner schnellen Erschöpfung nach Kleinigkeiten wie aufräumen oder Essen kochen zusammen hing. Anfang des Jahres überkam mich totale Panik sobald ich nur an Bahnhöfe dachte und es schien mir unmöglich jemals wieder in einen Bus oder eine Bahn einzusteigen.

Ich habe viel Zeit mit Nachdenken verbracht. Zu viel Zeit. Irgendwann hielt mich das dann auch vom Schlafen ab, da das Gedankenkarussell sich unaufhörlich drehte und drehte und drehte. Ich habe Freundschaften reflektiert, Freundschaften verloren. Ich habe große Mutlosigkeit, Angst, Erschöpfung & Überforderung verspürt und diesen Gefühlen Tag für Tag einfach nachgehangen.

Ohne meine Familie und meine beste Freundin wäre ich so nicht weiter gekommen. Sie haben mich zu der Zeit immer wieder aufgefangen, abgelenkt, zu Spaziergängen überredet oder einfach nur dagesessen zugehört. Ich habe Hörbücher gehört, um besser einzuschlafen. Ich habe riesige Puzzle gemacht, um etwas zu tun ohne mich zu verausgaben und ging regelmäßig baden um mich von meinen Symptomen abzulenken und zu entspannen. Diese waren nämlich zeitweise sehr einnehmend. Ständig diese Luftnot, der Schwindel, das Zittern, die geistige Abwesenheit…

Im Februar hatte mich dann auch noch die Grippe voll erwischt und zwei Wochen außer gefecht gesetzt. Zwei Wochen in denen ich mir sicher war, dass das nicht nur eine Grippe ist, sondern bestimmt eine böse Krankheit an der ich zugrunde gehen würde. …Dem war nicht so, ich hab’s überlebt und dann hinterher doch als Grippe abstempeln können.

Die Frage, die aber permanent wie eine dicke Gewitterwolke über allem hing, war: Gehe ich in eine Klinik? Ich habe immer gedacht „Soooo krank, dass ich in eine Klinik müsste, bin ich ja nun auch wieder nicht“. Ich führte viele Gespräche mit Familie und Freunden, habe viel im Internet recherchiert und mich auf eine Empfehlung hin, dann mal näher mit einer Klinik in der Nähe vom Schwarzwald beschäftigt.

Im April fiel die Entscheidung, die Gewitterwolke entlud sich: Ich mach’s! Ich werde mich um einen Platz in der Werner-Schwidder-Klinik in Bad Krozingen in Baden-Württemberg kümmern.

Kaum 3 Wochen später der Anruf: „Frau Ernst könnten Sie in einer Woche hier sein?“. Ich voller Aufregung zugesagt und schwups stand ich am 09.05.2018 in der Lobby der Klinik.

Zum Glück habe ich schnell Anschluss gefunden und meinen zwei-monatigen Aufenthalt fast schon genießen können. Es war kein Spaziergang, es wurde in offenen Wunden herumgedrückt und ich musste mich meinen Schwächen stellen.

28.05.2018

Ich habe dafür unendlich viel über mich, meinen Körper, meine Gedanken und meine Verhaltensweisen lernen können. Der Zusammenhalt, die Gemeinschaft, die verschiedenen Therapieformen, all das und vieles mehr hat mich so dermaßen gestärkt und mir vor allem das Gefühl gegeben nicht alleine zu sein. (Ich habe sogar meinen Geburtstag dort verbracht, den ich normalerweise immer mit der Familie verbringe.) Es wurde offen über alles gesprochen, keiner wurde doof angeguckt wenn er sagte, was er fühlte oder was eben auch nicht. Jeder war für Jeden da. Die Gespräche waren oft tiefgründig und lang, aber es durfte alles rausgeblubbert werden, was einem in den Sinn kam.

Ich glaube gerade der Klinikaufenthalt hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich jetzt voller Stolz stehe. Diesen Abschnitt meines Jahres 2018/meines Lebens möchte und werde ich niemals vergessen!

(Mehr zum Klinikaufenthalt erfahrt ihr in einem gesonderten Beitrag! 😊)

Klar, als ich nach zwei Monaten plötzlich wieder mit Sack und Pack zuhause stand und nicht ständig ein Therapeut oder eine Pflegerin zugegen war, denen ich mein Leid klagen konnte, fühlte ich mich erstmal schrecklich einsam und verloren mit meinen Problemen. Ich hatte das Gefühl ich wäre wieder komplett am Anfang, all das hätte überhaupt keinen Sinn gehabt und ich müsste sofort wieder zurück in diese Klinik.

Dass man uns das zu jeder Zeit prophezeit hatte, dass dieser Punkt kommen würde, ließ ich außer Acht. Mir ging es jetzt nunmal einfach schlecht.

Die Klinik war die sichere Insel. Der Ort an dem mir nichts passieren konnte und wo Jeder Verständnis hatte wenn, ich heute mal nicht in der Stimmung war schwimmen zu gehen oder ein Eis in der Stadt zu essen. Ein Ort an dem man auch mal schweigend nebeneinander saß, einfach um nicht alleine zu sein und ohne, dass ständig einer fragte ob alles okay sei.

Tja, so ist das „echte“ Leben aber nunmal nicht. Das musste ich dann auch erkennen und lernen damit umzugehen. Ich habe meine ambulante Therapie natürlich fortgesetzt und mit Hilfe dieser, relativ schnell neuen Mut gefasst, aus diesem Loch wieder herauszuklettern.

Ich habe in diesem Jahr, vor allem im letzten Drittel so große Fortschritte gemacht. Das sehe ich erst jetzt so richtig, wo ich das Jahr revue passieren lasse.

Ich habe angefangen als kleines Häufchen Elend, ich habe zu Beginn diesen Jahres das Licht noch nicht sehen können, das jetzt so hell für mich leuchtet. Ich habe meiner Angst und der großen Traurigkeit die Oberhand gewährt und mich klein gemacht. Ich habe nicht wirklich an Besserung glauben können.

Die Zeit in Baden Württemberg war, still und unbemerkt, gewissermaßen der Wendepunkt meines Krankheitsverlaufs.

Ich habe die Dinge in die Hand genommen, habe angefangen Yoga zu machen, regelmäßig Entspannungseinheiten einzuschieben und auf mich und meinen Körper zu achten. Nein zu sagen, wenn mir etwas zu viel war oder einfach nicht passte. Ich habe gelernt, dass die Panik oft dann kommt, wenn ich etwas mache, was ich eigentlich gar nicht möchte bzw. nicht für gut erachte. Immer dann, wenn ich etwas tue, nur weil „man das halt so macht“ oder um anderen zu gefallen bzw. einen Gefallen zu tun.

Ich habe angefangen kleinere Strecken mit dem Bus zu fahren und mich für Aushilfsjobs beworben. Ich habe Vorstellungsgespräche gemeistert und habe nun endlich auch einen, für mich passenden Job gefunden.

Ich habe auf meine Bedingungen bestanden, nicht mehr als x Stunden am Tag zu arbeiten und fing ab Mitte Dezember endlich wieder an, mich an den Arbeitsalltag zu gewöhnen. Ich arbeite im Verkauf, was mir schon immer Spaß gemacht hat und bin mehr als glücklich diese Stelle bekommen zu haben.

Ich fahre mit Bus und Bahn von A nach B, als hätte ich nie etwas anderes gemacht und das ganz ohne Panikattacken. Ich lache viel und sage meine Meinung. Ich nehme Hilfe gerne an, gebe aber auch nach wie vor sehr gerne. Ich denke immer noch viel an die Anderen und deren Befinden, aber ich habe gelernt mich selbst dabei nicht zu vergessen.

Ich werde mein Leben lang weiter lernen und dazu lernen, aber das Jahr 2018 hat zunächst einmal nicht besser enden können.

Wichtig ist, den Kampf niemals aufzugeben. Ich kämpfe seit 5 Jahren. Ich werde auch in Zukunft aus jedem noch so dunklen Loch früher oder später mit einem Lachen wieder herausklettern.

Zeit heilt manchmal wirklich Wunden. Vor allem emotionale…

xoxo, eure Julia ❤

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